installation

Installation ‚K‘

…es [ist] nicht die Realität in der Geschichte, die uns berührt, sondern die Realität in den Gefühlen, die sie erweckt.

Karl Ove Knausgård, Das Amerika der Seele, Oslo 2013

Wir bestehen aus Schichten, vielen Schichten: Genschichten, Geschichten, Handlungsschichten. Das, was uns vorgelebt wird, übernehmen wir, prägt uns. Wir tragen Traumata aus mehreren Generationen mit uns herum, selbst das Reptil und der Höhlenmensch haben noch Einfluss auf unser Tun. Wir sind von sozialen Bindungen abhängig. Doch wie tief können und sollten wir graben? Was und wo ist das ‚Ich‘ unter all den Schichten? Wann hat es angefangen und wo wird es aufhören? Wann werden wir unserer Verantwortung uns gegenüber bewusst und zu welcher Erkenntnis wird es uns führen? Ist das ‚Ich‘ irgendwann so voll geladen, dass es implodiert oder wie ein Kartenhaus zusammenfällt?

In unserer westlich zivilisierten, vermeintlich friedlichen Welt setzen wir uns zu Psychologen und Therapeuten, um in uns verhaftete, ungewollte Automatismen zu kappen und Traumata vorangegangener Generationen aufzudecken. Wir holen uns Hilfe, uns wird geholfen. Kinder werden aus schlechten Familienbedingungen geholt, Depressionen und Burnout behandelt. Doch was ist mit all den Menschen, die im Krieg sind, an Hunger leiden oder die jeden Tag um ihre Existenz und die ihrer Lieben kämpfen? Was unterscheidet unsere Psyche von ihrer? Warum schaffen wir Menschen es nicht, uns auf eine Ebene zu begeben, uns zu unterstützen und nicht zu bekämpfen? Wir wissen so viel über die Psyche, über Traumata und doch haben wir nicht die Empathie, das Leid und die damit verbundenen Folgen für jeden einzelnen zu sehen und sorgsamer mit unserer Spezies umzugehen. Soviel Wissen steht soviel Gewalt und Zerstörung gegenüber!

Jede unserer Geschichten nimmt Einfluss auf die Geschichten Anderer. Unser Tun und Handeln haben Einfluss, nicht nur auf die uns nahe stehenden Menschen. Meine Installation verstehe ich als Möglichkeit, diese Verantwortung sowohl in der Beobachtung eines künstlerischen Wandlungsprozesses als auch in eigenen Aktionen innerhalb desselben bewusst wahrzunehmen.

Entwurf
Mein erster Gedanke war ein umgedrehtes Kartenhaus. Wir sind, kommen wir auf die Welt, ein scheinbar unbeschriebenes Blatt. Auf diese erste Schicht stapeln sich so viele neue Schichten: Prägungen, Eindrücke, Begegnungen, Beziehungen. Es ist ein fragiles Gestell, was manchmal besser, manchmal schlechter zusammengebaut ist und immer droht zusammenzustürzen. Und aus den zusammengestürzten Haufen hat man immer und immer wieder die Möglichkeit sich ein neues Kartenhaus zu bauen, Karten neu zu sortieren. Oder sein Selbst unter vielen Schichten zu begraben, Karten zu wenden, zu zerreißen.

Die Spielkarten stehen symbolisch für das Spiel, für Regeln und Strukturen, die unser Leben beeinflussen. Die geplante Installation besteht aus unbedruckten Karten. Diese Karten kann jeder beschriften. Inhalt sollte ein Moment im Leben sein, der das Eigene aber auch das Leben von Anderen nachhaltig beeinflusst hat (Geburt, Verlust, Beziehung…). Ich glaube, dass wir immer und immer wieder dasselbe erleben. Wir tragen ähnliche Probleme mit uns herum, egal mit welchen äußeren Begebenheiten wir zu kämpfen haben. Grundbedürfnisse wie die nach Bindung, Sicherheit, Anerkennung und Wohlgefühl verbinden uns als Menschen und machen uns gleichzeitig voneinander abhängig. Wir sind nicht allein in Freud und Leid, wir können aus den Erfahrungen lernen und sie teilen.

Jeder Besucher und damit gleichzeitig Mitschöpfer der Installation hat vor Ort die Möglichkeit aus diesen Karten etwas zu bauen, zu schichten, sie zu beschriften und auf diese Weise Anderen zu zeigen, dass sie nicht allein sind mit ihrem Schicksal, sondern Teil eines Großen und Ganzen. Der Untergrund, auf dem die Kartenhäuser entstehen, soll verspiegelt sein, um so den umgedrehten Kartenstapel aufzugreifen und eine Reflexion zuzulassen, die Wiederholung.
Das geschriebene Wort wird zum grafischen, individuellen Kartenmuster – aus der Ferne betrachtet sind es aneinandergereihte, verflochtene Linien. Ändert man die Perspektive und tritt heran, nimmt sich die Zeit zu lesen, formen sich kurz gefasste Geschichten, die sich gleichen und wiederholen. Geschichten, die sich über Generationen nicht ändern. Bedürfnisse, die sich gleichen. Parallel bieten leere Karten Platz, um Geschichte neu zu schreiben.

Ich stelle mir den Raum vor: darin aufgestellt eine Tafel, weiße Tischdecke, darauf ein Spiegel, Kartenhaufen, angefangene Kartenhäuser. An der Tafel stehen Stühle, laden ein zum hinsetzen, Zeit nehmen, lesen was auf den Karten steht, in sich gehen, selber schreiben, andere durch den Spiegel beobachten, wissende Blicke austauschen. Die Tafel passt sich von Ausstellung zu Ausstellung dem Raum an, wird mal größer, mal kleiner. Eine Tafel wie zu Familienfesten, man kennt sich und doch auch nicht. Erkennt man sich selbst noch im Spiegel? Erkennt man sein Gegenüber? Erkennt man Momente wieder, die man auf den Karten vorfindet? Was verbirgt sich unter all den Kartenschichten? Unter den eigenen Schichten? Kommt man ins Gespräch? Wie viel Schichten kann man aufdecken, wie tief lässt man den anderen blicken?
Der künstlerische Rahmen, bietet sich an, eine Vielzahl aktueller Themen „sinnlich“ zu verhandeln– mit Sehen, Tasten, räumlicher Orientierung und Verwirrung sowie der Kunst des tiefen Zuhörens in Gesprächen über Lebenswendepunkte.

Umsetzung
Die Karten und Spiegelfliesen werden von mir geliefert. Tisch und Stühle sollen regionale Gegebenheiten widerspiegeln, vor Ort zusammengetragen und temporär für die Installation genutzt werden.


Einladung zum Beschriften der Karten:
Teile einen Moment, der das eigene
aber auch das Leben von Anderen
nachhaltig beeinflusst hat.

Ich möchte Dich gern dazu einladen die vorliegende weiße Spielkarte mit einem Moment zu beschreiben, der Dein eigenes Leben aber auch das von Anderen nachhaltig beeinflusst hat und an mich – wenn du willst, auch anonym – zurück zu senden (Madlen Riedel, Toelleberg 17, D-08301 Bad Schlema). Bitte benutze dazu einen schwarzen Kugelschreiber oder Edding.

Diese beschriebenen und weißen Karten sollen Teil einer interaktiven Installation werden. Jeder hat dann vor Ort die Möglichkeit, aus diesen Karten etwas zu bauen oder sie selbst zu beschriften und damit Anderen zu zeigen, dass sie nicht allein sind in ihrem Schicksal, sondern dass sich Geschichten und Erfahrungen wiederholen und wir alle die gleichen Bedürfnisse haben.

Invitation to write on these cards:
Share a moment, which had
influenced your life and also the
life of others in a sustainable way!

I would like to invite you to write down on this white card a moment, which had influenced your life but also the life of others in a sustainable way and than send it back to me – if you prefer, you can also remain anonymous. (Madlen Riedel, Toelleberg 17, D-08301 Bad Schlema). I ask you to use a black ballpoint pen or Edding.

The filled out and the white cards will become a part of an interactive installation. On site everybody will have the possibility, to built something with these cards or to write on the blank ones, showing other people this way, that they are not alone with their fate but rather stories and experiences recur and we all have the same needs.


Installation ‚NETZWERK‘

Die Leben, die wir uns vorgestellt haben, begleiten uns wie die, die wir tatsächlich leben, und manchmal wird uns bewusst, wie viele Leben wir verloren haben.

Helen Macdonald, H wie Habicht, Berlin 2015


Das Leben macht uns zu dem, was wir sind. Die Geheimnisse, die wir mit uns herumtragen, beflügeln uns oder erdrücken uns. Und die Schuld, die tragen wir für uns selbst und für die Anderen. Das Miteinander schafft ein Gegeneinander. Die von der Gesellschaft auferlegten Normen, lassen und zerbrechen an unseren eigenen Bedürfnissen. Wir sollten zufrieden sein mit dem intuitiven Streben nach Wohlbefinden und Glück, eigenem Glück. Doch sind wir meist nur zufrieden wenn alle um uns herum zufrieden sind. Aber sollten wir nicht auch Momente in der Zeit leben dürfen, die kommen mussten. Warum sich dem, was kommt versperren? Ein vor sich her schieben von Momenten wird uns nicht davor verschonen sie immer wieder herauszufordern und zu begehren. Und wenn es dann soweit ist, tun wir es in vollem Bewusstsein der Konsequenzen. Sie sind da, wir brauchen niemanden etwas vorzumachen, den in jedem Moment leben wir bewusst unbewusst, streben wir nach unserem Wohlbefinden, speisen unser Selbstwertgefühl und unsere Neugier, fordern unsere Gehirnwindungen. Das Geschehene kann nicht ungeschehen gemacht werden, doch wir müssen es als Glück begreifen, das Leben.
Momente in denen scheinbar die Zeit stehen bleibt, begleiten uns ein Leben lang, sie lassen uns innehalten, zurückschauen, reflektieren. Sie sind Knotenpunkte in unserem Leben.
Wegkreuzungen an denen wir noch einmal überdenken können. Oft stehen wir vermeintlich allein oder allein gelassen an diesen Kreuzungen doch wir vergessen immer, dass schon viele vor uns an solchen Kreuzungen standen, Richtungen eingeschlagen haben, Erfahrungen sammelten. Einem Muster gleich wiederholen sich Schicksale, individuell zugeschnittene und doch sich ähnelnd. Aber diese Erfahrungen hüten wir ins uns wie Schätze, wir vergessen zu teilen, wir fühlen uns allein damit.
Der Entwurf
Ein Netz soll aufzeigen wie viel uns Frauen eigentlich verbindet, sei es das individuelle Erlebnis der Geburt oder der Verlust eines Kindes, sei es eine enttäuschte Liebe oder das zurückstellen eigener Bedürfnisse für Andere. Wir sind nicht alleine in diesem Muster immer wiederkehrender Ereignisse. So sind zum Beispiel Menschen auf der Flucht, widrigsten Bedingungen ausgesetzt, Hunger, Gewalt. Frauen werden unterdrückt, in Systemen aber auch in ehelichen Verbindungen. Frauen werden in Maße gezwängt, sei es in Standartgrößen die auf Männer abgestimmt werden oder Körpermaße.
Problematisch ist das Frauen sich, vielleicht auch durch jahrhundertelange Prägung, klein machen, gegenseitig klein machen. Sie gönnen sich selten was, erkennen Leistungen von Frauen nicht an.
Ein Generationsübergreifender Erfahrungsaustausch bleibt in unserer Gesellschaft immer mehr aus. Soziale Netzwerke bieten neuen Raum für Erfahrungsberichte, fördern aber gleichzeitig den Abstand.
Wir bewegen uns weg von einer gemeinsamen Verbundenheit, von Nähe. Wir verurteilen aus der Ferne ohne uns in Andere hineinzuversetzen.
Wir sind das letzte Glied in einer Jahrtausenden alten Generationenkette. Doch die Gefühle, Bedürfnisse und Emotionen haben sich nicht verändert. Über viele Generationen hinweg passieren uns immer ähnliche Begebenheiten, gleich einem Muster. (Nehmen wir Maria. Sie verlor ihren Sohn. Tausende Frauen verloren und verlieren im Krieg ihre Söhne. Was macht das mit einer Mutter?)
Entstehen soll ein Netz, geknüpft von Frauen. Jeder geknüpfte Knoten soll für einen Wendepunkt stehen, ein Wegknoten. Jeder Knoten soll Mut machen eigene individuelle Lösungen zu finden, aber auch aufzeigen das man an seinen Kreuzungen nicht alleine steht. Man hat immer die Möglichkeit ins Gespräch mit anderen Frauen zu kommen, den Knoten aufzuknüpfen, sich auszutauschen und sich wieder neu zu verbinden. Das Netz kann auffangen oder sich schützend wie ein Mantel um einen legen. Das Netz ist an einen Holzring geknüpft. Einen Ring den man sich um den Hals legen kann.


Symbolik der einzelnen Elemente


Knoten
Knoten stehen für das Lösen und Binden. Es geht um Festhalten und Bannen. Das Auflösen der Knoten setzt Kräfte frei.
Die Magie um den Knoten ist weltweit in verschiedenen Ethnologien zu finden. Der Knoten soll böse Geister abschrecken, in die Irre führen oder einfangen. Aneinandergereihte Knoten ergeben Netze.


Netz
Das Netz steht symbolisch für das Fangen.
Zudem steht es für:
Netz (Textilie), ein Textilgebilde mit Maschen und Öffnungen
Netz (Familienname),
Netz (Geodäsie), die flächendeckende Anordnung von Vermessungspunkten
Netz (Sternbild), ein Sternbild des Südhimmels
Soziale Netze in der Soziologie und im Internet
ein System aus vernetzten Elementen, siehe Vernetzung und Netzwerk (Begriffsklärung)
Leitungsnetz, verbundene Leitungen zur Versorgung mit Stoffen, Energie oder Informationen
Verteilnetz, verschiedene Netze zur Verteilung von Stoffen, Energie oder Informationen


Kreis – Ring
Der Kreis hat weder Anfang noch Ende und ist wohl das wichtigste und weit verbreitetste geometrische Symbol und steht unter anderen für Sonne und Mond. In Ägypten steht eine, zu einem Kreis geknotete Schnur für die Ewigkeit, in der Antike ist es die sich selbst in den Schwanz beißende Schlange.
In Burma und Laos werden Kindern Halsringe angelegt damit ihre Seelen nicht entweichen kann und sie ihre Menschengestalt behalten. Zudem schützen sie vor dem Bösen.
In Myanmar sitzt die Seele im Hals der Frau, das tragen von Halsringe sollen den Stamm schützen.


Bibliografie
Helen Macdonald, H wie Habicht, Berlin 2015
https://de.wikipedia.org/wiki/Netz
Sheila Paine, Amulette – Geheimnisvolle Kräfte,Zauberglaube und Magie, München 2004
Prof. Dr. Hans Biedermann, Knaurs Lexikon der Symbole, Augsburg 2002


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