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Gestaltungswettbewerb eines Denkmals für die ‚Wasserburger Opfer‘ des Nationalsozialismus am Heiserplatz in Wasserburg a. Inn – 7. Platz

Mit unterstützt von Philine Brandt

Exposé

Was wissen Sie noch über den Nationalsozialismus, der von 1933-1945 in Deutschland regierte? Dieser Ort ist seinen Opfern in Wasserburg gewidmet, den namentlich Bekannten wie den Unbekannten, den Ermordeten, aber auch den Gedemütigten, Entrechteten, Traumatisierten: Sie litten und starben, weil sie einer zutiefst menschenfeindlichen Lehre, an deren Ende 45 Millionen Tote standen, nicht entsprechen konnten oder wollten. Angst, Scham und Schuld ließ die Überlebenden lange schweigen. Und heute?

1. Gegebenheiten und Fragen

Die Idee, ein Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“ in Wasserburg am Inn zu schaffen, diskutierte der Stadtrat bereits im Jahr 2015 anlässlich des 75. Wiederkehr der Beendigung des 2. Weltkrieges.

In den zwei folgenden Jahren sollte die archivarische Aufarbeitung voranschreiten, mit dem Ziel, eine namentliche Nennung möglichst vieler Opfer und eine umfassende Rekonstruktion der Umstände und beteiligten Akteure zu ermöglichen. In den Stiftungen Attl und Ecksberg, sowie im Inn-Salzlach-Klinikum Wasserburg am Inn in Gabersee und am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim in Österreich gibt es bereits Gedenksteine für die Wasserburger Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“. Auch die Internetseiten der Einrichtungen verweisen auf diesen historischen Abschnitt und auf weiterführende Publikationen zum Thema.

Mit der Entscheidung, ein weiteres Denkmal auf dem Heisererplatz aufzustellen, holt sich Wasserburg am Inn nun ein dunkles Kapitel seiner Geschichte unübersehbar ins Zentrum. Es bekennt sich damit einerseits zu einem langwierigen Prozess der Vergangenheitsbewältigung und stellt andererseits unweigerlich Fragen nach der Aktualität des Themas in den Stadt-Raum: Warum erst jetzt? Warum gerade jetzt dieses Denkmal?

Welche Antworten kann das Denkmal selbst darauf geben? Unserer Meinung nach bedarf es auch eines begleitenden Prozesses und ergänzender Medien zur Erklärung.

Weitere Fragen eröffnet die Anwesenheit der Denkmäler für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 und des 1. Weltkrieges, in deren Sichtweite und Mitte das neue Denkmal Raum finden soll. Ein unterschiedliches Opferverständnis sowie die Verbindung der drei historischen Ereignisse schaffen ein Spannungsfeld, das zu bearbeiten ist.

Auch die starke Frequentierung des Platzes durch Innenstadt-Passanten ist eine zu beachtende Gegebenheit. Kann es gelingen, diese Menschen – und sei es nur für Augenblicke –ihrer Geschäftigkeit zu entreißen und ihnen einen Zugang zu diesem Thema zu ermöglichen, der bestenfalls auch Nachklang in ihrem Alltag findet?

2. Persönliche Auseinandersetzung

Die Mitarbeit an einem Projekt der Stiftung Sächsischen Gedenkstätten für Großschweidnitz lieferte Impulse für unsere Bewerbung. Auch hier bildete die wissenschaftlich-historische Aufarbeitung eines umfangreichen und heterogenen Archivmaterials die Arbeitsgrundlage. Hinzu kamen Kontakte mit letzten Zeugen und Angehörigen von Opfern der NS „Euthanasie“, wobei die Nachfrage der zweiten Generation, der so genannten „Kriegsenkel“, nach dem Schicksal ihrer Verwandten in den letzten Jahren zugenommen hat.

Erfahrungen in der Arbeit mit Jugendlichen zu Themen wie Eugenik, Inklusion und Menschenrechte verdeutlichten die Verbindung zwischen Historie und Gegenwart.

Auf der Suche nach Wegen, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch schwer erträgliche Gefühle zuzulassen, boten sich künstlerische Aktion und Rezeption als hilfreiche Werkzeuge an. Die vielseitige, oft herausfordernde Arbeit verband sich mit ganz persönlicher Auseinandersetzung um Werte und Normen, Macht und Ohnmacht, Leben und Tod.

Macht nicht gerade das Wissen um den Tod den Menschen zum Menschen und unterscheidet ihn so vom Tier? Aus welchen Untiefen entspringen die Gräueltaten, zu denen allein unsere Art fähig ist? Was veranlasst Menschen dazu Leben zu nehmen? Können sie nach der „Arbeit“ einfach nach Hause gehen zu den Ihrigen? Die Tür hinter sich schließen? Das Getane im Spind mit der Arbeitskleidung zurücklassen? Die Richtigdenkenden, die Normalen. Für den eigenen Vorteil, aus Angst und schließlich aus Gewohnheit.

Wie kann ein Weg aus Schuld und Scham in die persönliche Verantwortung führen? Und auf der anderen Seite aus tiefer Verletzung in Vergebung gelingen? Was macht uns friedensfähig und widerstandsfähig gegen verführerische aber letztendlich selbstzerstörerische Ideologien? Wie unantastbar ist meine Würde und die meiner Mitmenschen?

3. Der Denkmalsentwurf – Symbolik und Wahrnehmung

Quadrat

Das Quadrat, ein Viereck, bezeichnet eine rechteckige geometrische Fläche, dessen vier Seiten gleichlang sind. Es ist ausgeglichen und normiert. Es steht symbolisch für „Grund legende“ Orientierung und bringt den Wunsch nach Ordnung in einem chaotisch erscheinenden Weltgefüge zum Ausdruck. Das Quadrat steht für die irdische Welt und das Materielle.

Fünf – für fünf Stufen aus Beton

Die Fünf steht symbolisch für den aufrechten Menschen: Mit Kopf, Beinen und Armen sowie für seine fünf Sinne.

Das Material Beton strahlt in seiner Beschaffenheit eine gewisse Kälte und Härte aus. Dies kommt einer emotionalen Gleichgültigkeit nahe, welche in Bezug auf das Thema des Denkmals in der Öffentlichkeit teilweise vorherrschte und womöglich noch vorherrscht.

Das Denkmal stellt sich in seiner klaren Form dem Betrachter in den Weg und fordert Ihn gleichzeitig auf einzutreten, sich einzulassen.

In der Mythologie gilt die Stufenpyramide als Treppe in den Himmel, die vorliegende Gestaltung kann als eine Art Negativ verstanden werden. Die Stufen erheben sich nicht, sondern führen hinab, nach untern in eine Grube, in ein „Grab der Namen“: Namen, hinter denen individuelle Biografien stehen, Namen von Menschen, denen ein würdiges Begräbnis verwehrt blieb. Beim Hinabgehen vertieft sich der Besucher körperlich-sinnlich wahrnehmend in das Thema.

Der erhöhte Rand der ersten Stufe bildet dabei zunächst eine Hürde, die man bewusst – äußerlich, wie vielleicht auch innerlich – überwinden muss. Das Einnehmen verschiedener Perspektiven spielt beim Betreten der Stufen eine zentrale Rolle: Die von oben hinab und jene von unten hinauf. Es sind Perspektiven, die auch Täter, Opfer und Beobachter einnehmen: Sich über einen Anderen stellen, sich unterordnen und von Außen zuschauen.

Die Stufen sind mit kurzen Zitaten „beschrieben“ –Briefzitaten, Zeitzeugenberichten, Auszügen aus Krankenakten und anderen Archivdokumenten, welche die Anonymität aufbrechen und

einen Bezug zu einzelnen Individuen und ihren Geschichten herstellen, diese gleichsam kurz aufleuchten lassen.

Die Auswahl passender Zitate soll in einem Prozess enger Zusammenarbeit mit den Archivaren, aber auch Angehörigen von Opfern und anderen für das Thema engagierten Wasserburgern geschehen.

Die Zitate sollen möglichst einfach und eingängig sein, so dass sie bereits ohne weitere Erklärung eine erste Wirkung entfalten können. Die in der Ausschreibung zur Verfügung gestellte Literatur enthielt solche Zitate, einige Beispiele seinen hier stellvertretend aufgeführt:

Und dann sind Papa und Mama gekommen und haben mich geholt. Der Vater hat eine Uniform angehabt. Die Schwestern haben ihnen von mir erzählt. Sonst ist keiner wiedergekommen, umgebracht hat sie der Hitler, alle Buben.“ 1

Beim Einsteigen haben sich die Behinderten noch munter unterhalten, dann ist es aber ganz still geworden und die Schwester hat die zwei Stunden bis zum Eintreffen der Lokomotive keinen einzigen Laut mehr aus den Waggons gehört“ 2

Am [Datum ist zu ergänzen] entwich ein Patient nach erfolgter Sterilisation aus dem Krankenhaus Wasserburg und ertränkte sich im Inn.“3

Nach eingehenden Vernehmungen fällte das Gericht das schwere Urteil der Todesstrafe, was auf alle Anwesenden tiefen Eindruck gemacht hat.“4

An den Bürgermeister der Stadt Wasserburg/Inn: Nachdem die Zuteilung bei russischen Zivilarbeiterinnen sehr knapp ist,… ersuchen wir sie um Genehmigung, vom Freibankfleisch zu erhalten. Heil Hitler, Knagge und Peitz K.G.“ 5

Unbefriedigende Arbeit … hat zweifellos zur Gemütszerrüttung der Verstorbenen, die einst bessere Tage gesehen haben will und angebl. Studentin der Medizin war, viel beigetragen“.6

Schon diese kleine Auswahl verdeutlicht die Komplexität und Sensibilität des Themas: Im Zentrum der Zitate soll die Würdigung individueller Schicksale stehen, aber sie verweisen zwangsläufig auch auf deren Verflechtung mit den gesellschaftlichen Zusammenhängen. Es bleibt sorgfältig abzuwägen, dass die Würde der Opfer durch die menschenverachtende Ideologie, die aus vielen Zeitzeugnissen spricht, nicht erneut beschädigt wird.

Eine Präzisierung formaler und inhaltlicher Kriterien für die Zitatauswahl wird in der zweiten Bewerbungsphase erfolgen. Die wiederholte Rückkopplung zu den dort erarbeiteten Kriterien während des Gestaltungsprozesses soll die in der Ausschreibung gewünschte Einbeziehung verschiedener Opfergruppen bei gleichzeitiger Vermeidung einer „Verwässerung des Themas“ sicher stellen.

Eine Tafel am Denkmal soll Verweise für weiterführende Informationen über Internetadressen und direkt über QR-Codes ermöglichen. Dort können auch solche Zeugnisse einbezogen werden, die für das Verständnis des Themas wichtig, für das Denkmal selbst aber ungeeignet sind.

Die Zitate sollen mit einer speziellen Technik auf den Beton aufgebracht werden, so dass sie erst durch Befeuchtung sichtbar werden. Die Schrift wird auf der homogenen und klaren Oberfläche freigelegt, vorher Unsichtbares und Verborgenes wird dadurch wahrnehmbar. Dieser erarbeitende Prozess der langsamen und bewussten Aufdeckung von Einzelschicksalen soll zu einer persönlichen, selbstreflektierenden Auseinadersetzung mit dem Thema beitragen.

Der Besucher kommt nicht umhin, auf die sichtbaren oder unsichtbaren Zitate zu treten, während er sich auf den Stufen bewegt. Er steigt hinab und vertieft sich in das Thema, wird mehr und mehr umschlossen von Schicksalen.

Die Stufenkanten reichen nicht wie bei einer gewöhnlichen Treppe direkt nach unten, sie ragen über und verdecken halb die nächste Stufe. Sie werfen Schatten, verbergen gleichsam etwas, das noch nicht ans Licht gebracht ist. Diese Kanten sind ebenfalls beschrieben. Die oberste mit einer Widmung, die das Denkmal inhaltlich wie formal als ein umlaufendes Band rahmt. Sie unterstreicht die quadratische Grundform und soll in ihren Worten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mahnend zusammenfassen.

Die weiteren vier Stufenkanten tragen die Namen der Opfer, die der historischen Forschung bisher bekannt sind. Eine räumliche Anordnung der Namen ist nach verschiedenen Kriterien wie z.B alphabetisch, nach Todesdatum oder in Opfergruppen möglich, erscheint aber nicht zwingend notwenig. Zitate, die sich auf namentlich bekannte Opfer beziehen, sollten in deren Nähe stehen.

Die beschriebenen Kanten sind aus schwarz beschichtetem Metall gestaltet. Die Schrift ist per Laser eingraviert.

Am Grund der Stufen steht Wasser.

Wasser am Grund

Wasser gilt als Quelle allen Lebens, es belebt und befruchtet. Zugleich steht es jedoch auch für Auflösung, Ertrinken und Versinken. Es ist klar, reinigt, aber es lässt auch verschwimmen, verschlingt. Abtauchen und Sich-Versenken sind Synonyme für ein Sich-Abwenden aus der Außenwelt ins Innere. In der chinesischen Lehre der fünf Elemente ist dem Wasser das Gefühl der Angst zugeordnet.

Im Entwurf steht das Wasser unter der letzten Stufe, dort verborgen ist ein Überlauf, der den Wasserstand hält. Bei starken Regen füllt sich das Becken langsam, langsam leert es sich auch wieder. Das Wasser kann zur Benetzung der Stufen geschöpft werden, auch Regen macht die Zitate sichtbar. Ob dass Denkmal im Winter frostfrei gehalten oder in den Ruhezustand versetzt werden soll, ist eine Kostenfrage, die in der zweiten Ausschreibungsphase zu klären ist.7

4. So viele Menschen

Die Komplexität von Zitaten und Namen wird durch die umlaufende Widmung an der obersten Stufenkante und die strengen Formen von Quadrat und umgekehrter Pyramide wie von einem Gerüst gleichsam zusammengehalten. Themen und Schichten an Wissen und Gefühlen erschließen sich dem Besucher erst nach und nach.

Das kommt einem wiederholten Besuch einzelner Passanten genauso entgegen, wie dem einer Schulklasse, deren SchülerINNEN sich am Denkmal mit ersten Impulsen individuell auf das Thema Nationalsozialismus einstimmen können oder/und zum Abschluss ihrer Auseinandersetzung noch einmal tiefer und zugleich ganz lokal in das Geschehene eintauchen wollen.

Angehörigen und Einwohnern bietet sich die Möglichkeit, am Denkmal mit Blumen oder Kerzen Ihrer Verwandten und Mitbürger zu gedenken.

Es sollte die Möglichkeit geben, dass Besucher dem, was sie „mit nach oben nehmen“ Ausdruck geben können – in einem Forum auf einer Internetseite zum Denkmal oder in einem Besucherbuch, das in der Nähe öffentlich zugänglich ist.

Schon vor und während der Errichtung des Denkmals bietet es sich an, in Kontakt und Austausch mit den Wasserburgern zu kommen. Geeignete Foren in Presse und Internet sowie thematische Diskussionsveranstaltungen mit Einladung von Experten empfinden wir als förderliche Begleitung und erhoffen uns Ansprechpartner unter den Vertretern der Jury.

Der notwendige Aufwand zur Erhaltung des Denkmals soll im Rahmen der Pflege des kleinen Parks am Heisererplatz leistbar sein.

Die uns vorliegenden Pläne weisen als möglichen Standort für das ca 20m² große Denkmal das Zentrum des Heisererplatzes aus. Über die Führung des mittigen diagonalen Wegs soll vor Ort entscheiden werden.

1 Zitiert nach Materialsammlung zur Ausschreibung; Matthias Oesterheld, Die vergessenen Opfer, Euthanasiegeschehen im Dritten Reich in Oberbayern am Beispiel Gabersee, Wasserburg, o.J.: Erinnerung von Ernst L. an seinen Abschied von der Heil- und Pflegeanstalt Ecksberg und den Abtransport seiner ehemaligen Mitbewohner im Herbst 1940.

2 Ebenda: Aus dem Bericht von Schwester Camilla über den Abtransport von Heimbewohnern aus Ecksberg am 15.11.1940

3 Ebenda: Chronik Gabernsee

4Zitiert nach Materialsammlung zur Ausschreibung; Matthias Haupt, NS-Zwangsarbeit in der Stadt und im ehemaligen Landkreis Wasserburg a. Inn, o.J.: Wasserburger Anzeiger vom 21.09.1941 zum Fall eines jungen polnischen Zwangsarbeiters, der wegen eines Verhältnisses zu einem deutschen Mädchen unter Anklage stand.

5 Ebenda: Schreiben vom 04.07.1942, das abschlägig beschieden wurde.

6 Ebenda: Bericht zum Tod der russischen Zwangsarbeiterin Lilli Emiljanowa, die am 28.7.1944 der Selbstvergiftung mit Blausäure erlag.

7 Erinnert sei hier zum Beispiel an das Buchenwaldmahnmal von Knitz /Hoheisel von 1995, dessen Inschrift stetig auf die menschliche Temperatur von 37 erwärmt wird. Die dafür notwendige Energie wird von den Weimarer Stadtwerken gestiftet.