blicke


In meinen Zeichnungen fließt eine intensive Auseinandersetzung mit den Porträtierten ein. Ich besuche sie im Altersheim, wir nehmen uns füreinander Zeit, sie schenken mir ihre Geschichten, ich hört ihnen zu. Mein Anliegen ist es, ihrem Wesen auf die Spur zu kommen – im Schauen, Zuhören und Nach-denken. In meinen Arbeiten entdecken und erkennen sich die alten Menschen neu. Das Thema meiner Zeichnungen ist sehr sensibel und äußerst vielschichtig. Denn es geht um Sinn, Vergessen, Abschieben, Wegschieben, Aufschieben, Aufgeben, Verzeihen, Verarbeiten im Rückblick und Sein im Moment. Und vielleicht auch im gewissen Sinne um das Verschwimmen und Unscharf werden. Und dann geht es um das Erkennen des Einzelnen im Spiegel des Selbst und der Anderen bzw. im Wertekanon durchlebter gesellschaftlicher Systeme. Die Bewertung eines Menschenlebens in einem System findet ständig statt. Sie fällt bestimmt oft auseinander mit dem eigenen Gefühl oder dem der Freunde und Verwandten. Die Menschen, die ich porträtiere, haben bis zu drei verschiedene Systeme erlebt, einige vielleicht sogar mit dem Kaiserreich ein viertes. Manche von Ihnen erinnern sich, manche sind klar, manche dement, manche liegen still im Bett, Sie sind gebrechlich, werden blind und taub, Sie verschwinden unbemerkt aus unserer Gesellschaft. Meine Zeichnungen reduzieren sich auf das Gesicht, für mich das Wesentliche. Dadurch werden die porträtierten Personen teilweise geschlechtsneutral, man erkennt nicht mehr ob ein Mann oder eine Frau gezeichnet wurde, Sie werden zu Menschen.

Hunger, Leid, Vertreibung, fallende Bomben, Flucht und Krieg – alles Themen, mit denen wir tagtäglich durch die Medien konfrontiert werden, haben die Menschen, die ich jetzt portraitiere, am eigenem Leib erfahren. Die damalige Not lies sie verdrängen, heut fehlt nachfolgenden Generationen die Zeit ihnen zuzuhören. Die Jungen lernen nicht mehr von den Alten, Erfahrungen muss in unserer perfektionierten Welt jeder selbst wiederholen. Die Menschen, welche ich besuche, haben scheinbar zuviel Zeit, warten auf Ihre Kinder oder auf das Ende, abgestellt in funktional abgemessene Räume, die wenig Platz für persönliche Gegenstände lassen.

Ich arbeite mit einem schwarzen Tintenzeichner auf braunem Papier. Die Zeichnungen reduzieren sich auf das Gesicht, für mich das Wesentliche. Geschlechtsspezifische Details wie Haare, Brille, Schmuck und Hals bleiben außen vor. Dadurch werden die porträtierten Personen teilweise geschlechtsneutral, Sie werden zu Menschen.

„Die Menschen werden immer gescheiter und dadurch wird die Welt immer Verrückter“
Frau Wendler, 97Jahre

Je älter die Menschen sind, auf die ich treffe, desto klarer scheinen Ihre Kanten. Ihr Wesen ist offensichtlicher, unabhängig von Ihrer Altersdemenz. Sie werden Kindern gleich, grade heraus, klarer in Ihrem Tun, in Ihren Zügen und Befindlichkeiten.
Es ist erstaunlich, was manch eine*r aushält: An Schmerzen, aber auch an Schicksalsschlägen. In Gleichgültigkeit liegt manchmal ungeahnte Weisheit und in manch tief philosophischen Auseinandersetzung mit dem Leben eine unbequeme Engstirnigkeit.
Ich treffe auf Zweifel, Furcht und Verzagen. Menschen, die Ihr Leben lang gearbeitet haben und eigenständig waren, sind plötzlich auf Hilfe angewiesen, teilweise intime Hilfe. Der eigene Verfall wird und ist offensichtlich. Nicht nur körperlich. Personen, die sich einst kannten, treffen sich wieder, erkennen sich nicht in einem Zustand der fortschreitenden Demenz. Im Altenheim sind Vergänglichkeit und der Tod alltäglich, vorallem für die Bewohner. Die ständige Konfrontation macht eine Auseinandersetzung unausweichlich.

Wir sind sterblich, wir werden und vergehen, wir müssen erkennen um uns annehmen zu können, wie wir sind – Mensch nicht Gott. In uns finden wir die Fragen und die Antworten. Ich befürchte: Erst wenn wir uns selbst erkennen, können wir auch die Welt verstehen. Denn dem Sinn des Lebens, oder der Frage danach begegnen wir Alle einmal.

“…unsere Körper sind Ersatzteillager.” Frau Wendler, 97 Jahre

Der menschliche Körper ist durchaus nicht geschaffen, so alt zu werden, wie es heut zu Tage durch den medizinischen Fortschritt möglich ist. Ein zweischneidiges Schwert, denn ist es für die einen ein Segen mit klarem Verstand die Umwelt weiter mit zu erleben, so kann es für manch Anderen zu einer Qual werden, dann wenn Schmerz den Alltag beherrscht, man ans Bett gefesselt ist und vielleicht im weitesten Sinn auch an seinen Körper.

„…und die Ewigkeit hat immer noch keinen Bereich wo wir einzahlen können…“
Frau B.

Im Prozess des Portraitierens entwickelte sich die Idee, jene Räume, in denen die Senioren jetzt leben, festzuhalten. Ich versetzte dazu die Bewohner selbst in Aktion. Sie verwenden meine analoge Spiegelreflexkamera, um ihren eigenen Blick, ihre eigene Perspektive zu dokumentieren.
Dabei geht es nicht um Schärfe, Ästhetik oder Bildkompositionen, sondern um die eigene Perspektive, den situativen, zufälligen Blick der Bewohner in jenen Raum, in dem sie nun leben und vermutlich auch sterben werden.

Den Großteil unseres Lebens verbringen wir in künstlich geschaffenen Räumen, oft gezwungener Maßen, selbst die Natur haben wir zu menschlichen Zwecken optimiert. Wir wägen uns dadurch in Sicherheit. Unsere Wohnungen stellen wir voll mit Dingen, die uns gefallen, die wir benutzen, strukturieren, umstellen und mit Erinnerungen besiedeln.
Wir häufen Sachen an, doch Senioren, die ins Heim kommen, müssen vieles davon zurücklassen: Einen ganzen Haushalt mit seinen täglichen Verrichtungen und zugleich ein Zuhause mit allen damit verbundenen Gefühlen. Beides kann Überforderung darstellen und zugleich Halt geben.
Die Auflösung erledigen oft Andere, die Kinder, Enkel und manchmal auch Fremde, da sich viele Senioren gegen das Ausräumen wehren und darauf hoffen, sich bis zum Ende mit ihren Sachen und Erinnerungen umgeben zu können, ein Heimaufenthalt steht bei den wenigsten auf der Liste.

Parallel begann ich selbst im Wechselspiel von Mensch und Natur entstandene Räume zu fotografieren. Auch sie erzählen vorrangig von ihrer Vergangenheit: Vermüllt, verbarrikadiert, verlassen und vergessen.
Die anhaltende Faszination der „lost places“ stelle ich in meiner Arbeit in den thematischen Zusammenhang:
Wir laden unser Netz voll, Tag für Tag, mit Guten und mit Schlechtem, mit Nöten und Sorgen, mit Freuden, Fragen und Geheimnissen.
Und am Ende hat manch einer Zeit das Netz auszuräumen und Erinnerungen umzuwälzen. Und Andere verlieren Ihre Erinnerung, ihr Leben, Ihren Verstand – doch nicht Ihre Bedürfnisse.

Was getan ist, ist getan und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, aber wir können die Verantwortung dafür übernehmen, jeden Tag, und vielleicht ist unser Netz am Ende nicht ganz so schwer und das Loslassen leichter.

Ein Sprichwort sagt „Ein alten Baum verpflanzt man nicht“ und doch passiert es Tag für Tag, wenn Menschen ins Altenheim kommen, Ihr altes Zuhause verlassen müssen, weil eine private Pflege nicht möglich ist.
Ich gehe mit meinen Stift auf die Suche nach alten Bäumen und ihrer Geschichte. Ich ergründe zeichnerisch ihre Hülle, die Pilze, die sich an Ihnen nähren, den Verfall, durch Insekten und Parasiten oder Stürme entstanden. Sie leben in Symbiose mit den umliegenden Bäumen, werden teilweise gehalten oder schaffen im Vergehen Nährstoffe für Jüngere. Sie bleiben, werden Sie gelassen, bis zum Schluss an Ihrem Standort.

In meinen Kaltnadelradierungen gehe ich noch tiefer ins Detail, lote zwischen Strukturen, Schatten, Flächen und tiefen Einkerbungen aus. Gesammelten Eindrücke verbinden sich im intuitiven Verarbeiten mit der Nadel, deren Linientiefe, sowie lichten und dunklen Flächen, erst beim auswischen der Platte und dem darauf folgendem Druck zum Vorschein kommen.